Atmest du noch?

Was ist eigentlich das Wesen des Atems?

Ein wichtiger Aspekt davon ist sicherlich die Dualität, die Zweiheit zweier Pole, das Einatmen und das Ausatmen. Das aktive Einatmen, das wir tun müssen und das passive Ausatmen, das von selbst geschieht. Das Yang und das Yin. Im Zusammenspiel beider entsteht ein Austausch mit der Umwelt, der Leben ermöglicht. Das Empfangen und das (Ab-)geben. Beides bedingt einander, nichts ist ohne das andere denkbar. Beides wechselt einander ab. Das ganze Leben lang. Was uns am Leben erhält ist Rhythmus. Nicht nur unser Herz atmet, indem es sich rhythmisch zusammenzieht und loslässt, nicht nur unsere Lunge und jede unserer Billionen Zellen atmet, sondern auch auf einer anderen Ebene: unser geistiges Leben, unsere Seele atmet. Ich spreche von der wechselseitigen Abhängigkeit zweier Phasen im menschlichen Da-Sein. Im offensichtlichen Sinne ist das der Schlaf-Wach-Rhythmus. Im etwas subtileren meine ich die Notwendigkeit von Ruhepausen und Entspannung.

Wir sind auf Pausen angewiesen

Nun sind wir in unserer Leistungsgesellschaft kollektiv so geprägt in unserem Denken, dass Aktivität mehr Wert oder wichtiger sei als ihr Gegenstück, dass Stress einfach notwendig ist um „erfolgreich“ zu sein. Und so sind viele Menschen in einer ziemlich rastlosen Lebensweise in krankmachenden Verhaltensweisen und Gewohnheiten gefangen, immer irgendetwas tun zu müssen. Selbst die Ruhezeiten stopfen sie sich voll mit Medienkonsum und anderen Ablenkungen, die sie mental oder sozial beschäftigen.

Ich erkenne…

…in diesen Tagen, wie wertvoll und segensreich das Nicht-Tun ist – und wie schwierig es zugleich sein kann. Denn in der Stille wird die innere Unruhe deutlich.

Es gilt, den inneren Antreibern und den Schatten liebevoll zu begegnen. Und interessiert die Gründe für diese Unruhe zu erforschen. Diese gehen meist weit zurück bis in die Kindheit.

Womit und warum mache ich mich unruhig, setze mich unter Druck? Wer ist das in mir? Zu lauschen, sich selbst zuzuhören, hinzuspüren. Ich halte viel von den Worten von Goethe über die Langeweile: „Langeweile ist ein böses Kraut, aber auch eine Würze, die viel verdaut.“

Ich lade dich ein, öfters nichts zu tun…

…und einfach nur zu entspannen, im Körper anzukommen, zu lauschen, zu verdauen. Braucht es unbedingt etwas zur Entspannung, zum „runterkommen“? Krankheit? Erschöpfung? Essen? Alkohol? Eine Reise in ferne Länder? Ein mediales Ablenkungsprogramm? Ein Buch? Einen anderen Menschen?

Oder können wir uns quasi direkt mit dem Aspekt in uns verbinden, der Entspannung IST?

Liebevolle Aufmerksamkeit bringt Ruhe wie nichts anderes im menschlichen Sein. In der Ruhe liegt die Kraft, jeder kennt dieses alte Sprichwort. Doch sie bringt noch viel mehr als nur Ruhe. Nur wer ausatmet, kann einatmen. In der Stille werden wir empfänglich für die Impulse unseres wahren Selbstes, welches uns unter anderem in Form von kreativen Ideen, Erkenntnissen, Antworten und innerer Führung beschenkt.

So findet auch hier wieder ein Austausch statt, jedoch auf einer anderen, feinstofflicheren Ebene. Das ist wie so vieles eine Frage der Übung. Nicht nur im Rahmen unserer Leistungsgesellschaft eine äußerst wichtige Übung.

Denn: für eine gute, kreativ-produktive Spannung braucht es eine gute Entspannung! Ich plädiere hier für Gleichberechtigung!

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.